Ton Koopman im Hamburger Abendblatt über Bach und Händel
Bach oder Händel - wem gebührt wo der Vorrang und warum?
Ton Koopman, Organist und Dirigent, sortiert die Argumente dieses Streits.Man muss orthodoxe Bach-Bewunderer nur mit hartgesottenen Händel-Fans zusammenbringen, und schon ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sich die beiden Fraktionen über die Reihenfolge ihrer Idole in der Bestenliste der Musikgeschichte in die Haare bekommen. Der Streit ist nicht so alt wie die Musik der beiden Komponisten, aber er wird mit großer Hingabe am Köcheln gehalten. Einer, der sich auf beiden Seiten der Geschmacks-Demarkationslinie auskennt, ist der holländische Organist und Dirigent Ton Koopman, der von 1999 bis 2004 alle Kantaten Bachs eingespielt hat, aber auch als Händel-Interpret geschätzt wird.
Fangen wir einfach an: Bach ist ...?
Ton Koopman:
Der größte Komponist der gesamten Musikgeschichte.
Abendblatt:
Händel ist ...?
Koopman:
Ein unglaublich theatraler Komponist, der mit Emotionen umgehen kann und das Publikum ganz unmittelbar erreicht. Der aber auch weiß, dass er das Publikum braucht.
Abendblatt:
Pah. Sie haben schon mit sechs beim Weihnachtsoratorium mitgesungen, Sie sind befangen.
Koopman:
(lacht) Wenn man die Chöre bei Händel sieht, die sind unglaublich gut geschrieben. Aber schon bei den ersten Tönen der Matthäuspassion denkt man: Mein Gott!
Abendblatt:
Der größte Unterschied zwischen den beiden ...?
Koopman:
Bach kann tun, was er will, das Publikum ist da. Händel muss Publikum haben, sonst geht er bankrott. Als er damals in London pleiteging, hat er fünf Rembrandts verloren.
Abendblatt:
Händel hat angeblich so viel komponiert wie Bach und Beethoven zusammen. Da ist dann womöglich auch Ausschuss dabei.
Koopman:
Wenn jemand wie er eine ganze Oper in drei Wochen schreibt, ist eher erstaunlich, wie wenig Schlechtes dabei war.
Abendblatt:
Ist der alte Glaubenskrieg wie bei den Beatles und den Stones inzwischen beendet? Muss man sich als Experte entweder für Händel oder für Bach entscheiden?
Koopman:
Das finde ich nicht. Es sind zwei Größen. Bei Bach liebe ich die Mischung zwischen Verstand und Gefühl - Händel ist viel direkter.
Abendblatt:
Grob gesprochen, steht bei Bach das Gotteslob im Mittelpunkt. Bei Händel der weltliche Genuss. Viele Oratorien sind ja Mogelpackungen, verkappte Opern.
Koopman:
Bei Bach wird etwas übertrieben, dass er der fünfte Evangelist ist, ich habe das nie verstanden. Aber er hat seine weltlichen Kantaten genauso komponiert wie die geistlichen. Bei Händel war das mit den Opern und Oratorien genauso.
Abendblatt:
Händel und Bach sind sich zweimal nicht begegnet, Bach hat ihn beide Male knapp verpasst. Vielleicht war das gut so, sonst hätte das Bach von seinem Weg abgebracht?
Koopman:
Aber Bach hat Händels Musik ja gekannt! Und vielleicht war es umgekehrt auch so. Ich frage mich aber, ob die beiden sich nicht doch begegnet sind - als Bach bei dem Organisten und Komponisten Buxtehude in Lübeck war.
Abendblatt:
Na ja, da waren die beiden noch blutjung.
Koopman:
Der vermeintliche Gegensatz zwischen den beiden wird manchmal sehr überbetont. Bach hat sich nicht als genialen Komponisten gesehen, aber er war sich sicher, dass er etwas konnte, was andere nicht konnten. Bach war sicher ein sehr eigensinniger Mensch, aber er war immer neugierig, was es sonst noch gab.
Abendblatt:
Trotzdem: Bei Bach war eine Frau, die nur mal einen Kaffee trinken wollte, als Kantaten-Thema schon etwas Verwegenes und moralisch Verwerfliches - in Händels Opern singen Verliebte Bäume an, es gibt Zauberer, Hexen, Götter ...
Koopman:
Bach hatte als städtischer Musiker sicherlich Grenzen bei den Texten, die er benutzen durfte. Diese Scherz-Kantaten muss man im historischen Zusammenhang ihrer Entstehung sehen.
Abendblatt:
Händel hätte womöglich keine Zeit gehabt, vielleicht aber auch keine Lust, um abstrakte "Augenmusik" zu schreiben wie Bachs "Kunst der Fuge". Bei ihm hatte diese Strukturverliebtheit nichts zu suchen.
Koopman:
Stimmt. Damit bin ich ganz einverstanden. Ich denke, Händel war zu praktisch veranlagt. Er war imstande, die Leute mit seiner Musik zum Weinen zu bringen. Bei Bach kam das zufällig. Das ist eine andere Art, die Emotionen zu erreichen.
Abendblatt:
Eine aus Hamburger Sicht interessante Frage: Was wäre passiert, wenn Bach das ihm angebotene Organisten-Amt in Hamburg angenommen hätte und hier in der Gänsemarkt-Oper den prallen Freuden der Oper begegnet wäre?
Koopman:
Bach hat in seinen weltlichen Kantaten ja schon ein unglaubliches psychologisches Gespür bewiesen. Es ist sehr traurig, dass er diese Chance nicht bekommen hat.
Abendblatt:
Es gibt kaum Briefe von Händel. Absicht, Zufall, oder ganz schlicht: keine Zeit?
Koopman:
Keine Familie. Vielleicht waren Briefe aber auch nicht wichtig für ihn. Aber aus seinen Briefen wissen wir auch nur sehr wenig über sein persönliches Leben. Wir Sammler möchten gern so viel wie möglich wissen, und wenn dann solch ein Brief auftaucht, freut sich jeder auf neue Informationen. Neulich wurde ein Brief von Buxtehude entdeckt, und alle hofften, etwas über Musik zu erfahren. Aber es ging dann nur um das Vermieten von Kirchengestühl.
Abendblatt:
Würden Sie lieber eine Händel-Oper dirigieren oder eine Bach-Passion?
Koopman:
Eine Passion. Aber Händel verliert nur sehr knapp.
Abendblatt:
War Händel richtiggehend schlauer, nicht nur klüger als Bach, weil er seine Arbeiten immer wieder den Vorlieben seiner Gönner und Auftraggeber angepasst hat? Bach hatte dieses Problem ja nicht, denn seine 'Kundschaft' in den Kirchen konnte ihm nicht weglaufen.
Koopman:
Händel musste so sein, und er war ein guter Kaufmann. Er hat verstanden, wie man mit Mäzenen umgehen muss und wie man sie nutzen kann. Das ist eine Spezialgabe, die er hatte. Er war ein Workaholic - das hatte er mit Bach gemeinsam -, hat unglaublich gut komponiert und sein Metier beherrscht. Wenn man die Noten einer Bach-Kantate anschaut, ist man gefesselt. Wenn man Händels Musik auf dem Paper sieht, denkt man, okay, das ist gut gemacht. Wenn man sie dann - gut aufgeführt - hört, beginnt diese Musik zu leben.
Abendblatt:
Angeblich hat Bach behauptet, Händel sei der Einzige, den er vor seinem Tod sehen möchte. Und der Einzige, der er gern gewesen wäre.
Koopman:
Das ist wohl kein gesichertes Zitat. Aber ich bin sicher, dass Bach daran interessiert war, einen anderen großen Komponisten aus Deutschland kennenzulernen. Bach und Händel waren nie Konkurrenten, jeder war auf seinem Gebiet tätig, jeder hatte sein Publikum. Zwei Menschen auf sehr hohem Niveau, die sich ästhetisch und kompositorisch viel zu erzählen gehabt hätten. Das wäre ein tolles Gespräch gewesen.
Abendblatt:
Händel blieb posthum durchgängig populär. Bachs Musik erging das ganz anders.
Koopman:
Bach war nur in kleinerem Kreis bekannt. Er war ein Geheimtipp. Er ist schneller veraltet, weil er eben auch ein großer Intellektueller war.
Abendblatt:
Wie beurteilen Sie als Experte von außen Hamburgs Umgang mit dem historischen Händel-Erbe? Er hat ja seine ersten Opern hier komponiert und sich an der Gänsemarkt-Oper das Rüstzeug für die Karriere in London angeeignet.
Koopman:
Wenn man sich ansieht, wie viel weltweit zu Händel passiert, wie viel von ihm gespielt wird ... Hamburg könnte sich als Händel-Stadt profilieren. Ich würde als Stadt stolz darauf sein, einen so riesigen Komponisten zu haben. Man könnte noch viel mehr machen.