Nonobach

Klassik von J.S. Bach bis Luigi Nono und mehr 
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Andreas Scholl

 

Johann Sebastian Bach als Schüler des ehrwürdigen Gent

Herreweghe

Gent liegt in Flandern, eine geschichtsträchtige Region in Belgien. Menschen, die in Flandern leben, nennt man Flamen. Und seit Urzeiten ist wenn auch nicht vieles, aber eines bekannt: aus der Gegend um Gent die berühmte Franko-Flämische-Schule entstanden ist, welche die Musikgeschichte nach Palestrina entscheidend verändern sollte und verändert hat. So wurde die Sext und die Terz als ein konsonantes Intervall anerkannt, die Fünf- und Sechsstimmigkeit wird ausgebaut und zum Standard. Bedeutende Komponisten dieser großen Musikepoche sind Johannes Ockeghem oder auch Guillaume Dufay.

In Anlehnung an dieser traditionsreiche (flämische) Musikzeit hat der Dirigent Philippe Herreweghe 1970 das Collegium Vocale Gent gegründet, ein Ensemble, welches sich besonders auf die Interpretation von Barockkomponisten spezialisiert hat, wobei in den letzten Jahren auch immer wieder vermehrt klassische und romantische Werke zur Interpretationsgeschichte des Ensembles hinzugekommen sind.

Hört man Herreweghes Ansatz der Bachschen h-Moll Messen Interpretation, werden Minkowski Ideen wieder deutlich. Der Verdacht liegt nahe, dass Minkowski sich entweder mit Herreweghes Partiturlesweise auseinandersetzt hat (wohl nicht umgekehrt), oder dass Minkowski eben genauso spürt und empfindet, wie Herreweghe. Schlicht und schlank sind die chorischen wie die instrumentalen Sätze gehalten, eben so, wie zu Zeiten von Bach. Ein sehr gelungene Einspielung, die mittlerweile zum Standard gehört.

 

Bach-Standard Einspielung

Johann Sebastian Bach, h-Moll Messe, BWV 232

La Chapelle Royale, Collegium Vocale Gent

Dirigent: Philippe Herreweghe, Interpreten: Veronique Gens, Agnes Mellon, Andreas Scholl, Peter Kooy, Christophe Prégardien

Erschienen bei: Harmonia Mundi, 1997

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Saul und ein Fest der Stimmen

Cdsaul

 

Kleinvieh macht auch Mist, sagt man. Und das muss wohl stimmen, wenn man sich einmal umsieht und bemerkt, was weniger bekannte Ensembles auf die Beine stellen.
 
So geschehen mit der CD-Aufnahme "Saul" (erschienen bei SK live). Ein Oratorium in drei Akten, komponiert von keinem geringeren als Georg Friedrich Händel, ein Werk, das an Stimmengewalt und Masse wohl kaum zu übertreffen ist.
 
Interpretiert wird das Werk von der Schiersteiner Kantorei, welche im hessischen Wiesbaden ansässig ist. Was man hört ist einmalig: ob der Orchesterpart, oder der Chorpart, alles in feinster Barockmanier und - ja, man staune - in englischer Sprache (Originalsprache des Oratoriums) vorgetragen. René Jacobs oder John Eliot Gardiner mit seinen English Baroque Soloists sind ein Kaliber, die Schiersteiner Kantorei ein anderes. Hinzu gesellen sich auch Solisten von internationalem Rang, wie der weltberühmte Countertenor Andreas Scholl. Und ein richtiger guter Aufführungsort wurde noch dazu ausgewählt: das Kloster Eberbach.
 
Saul stellt eine nationale und politisch brisante Tragödie dar, in der das Schicksal des Einzelwesens – der Tod Sauls und seines Sohnes Jonathan – vor der nationalen Katastrophe der unmittelbar daran beteiligten und davon betroffenen Volksmassen zurücktritt.

Große Kunst kann nichts anderes leisten, als vorbildlich zu wirken, es ist ihr nicht anzulasten, wie wenig Einfluss sie auf verblendete und gottlose Menschen haben mag. Das Paradigma eines solchen stellt auch König Saul, eine der ambivalentesten und fragwürdigsten Personen des Alten Testaments, dar. Innerlich zerrissen, mutig im Kampf und feige im Leben, unfähig, sein vom Aberglauben befallenes Volk zu führen, moralisch krank und geistig verfallend, zieht sich Saul selbst in den unausweichlichen Untergang. Saul ist die Geschichte eines geborenen Verlierers – und doch auch eines Wegbereiters: Am Ende wird sein Nachfolger David eine neue kulturgeschichtliche Epoche begründen, das Volk leiten, und zumindest versuchen, dies auch gut zu tun.

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