Nonobach

Klassik von J.S. Bach bis Luigi Nono und mehr 

Gemütliches Schreiten, Pracht und Fülle im Klang - Brüggen mit h-Moll Messe

Brggen

Das Label Glossa legt eine Einspielung des wohl monumentalsten sakralen Werkes Johann Sebastian Bachs vor, die sich hören lassen kann.

Kein geringerer als Frans Brüggen widmet sich hier mit seinem Ensemble Orchestra of the 18th Century jener Messe Bachs, die zwar in der Aufführungsdauer nicht an ein Weihnachtsoratorium heran kommt, jedoch musikalisch weit vielschichtiger - und eben monumentaler - ist.

Im Gegensatz zu Minkowskis Interpretation ist der Instrumentalsatz nicht unbedingt lebendig, fast eher leicht schleppend, jedoch aber taktvoll und mächtig im Eindruck. Beeindruckend sind die Bachtrompeten, welche beim "Sanctus" und "Et resurrexit" sehr schön hervor kommen und bravourös gespielt werden. Chorisch gesehen (es singt die Cappella Amsterdam) muss sich Brüggen auch nicht unbedingt verstecken.

Was fehlt, ist vielleicht der "drive", wie bei Minkowski. Durch die leicht schleppende Art kommt kein Tempounterschied der einzelnen Sätze zum Ausdruck, wo doch das musikalische Zeitalter des Barocks vom Puls lebte, welcher zwar immer den gleichen Rhythmus hat, aber nicht immer die gleiche Schnelligkeit.

Frans Brüggen, ehemals Professor der Harvard-Universität, gebührt noch ein Dankeschön generell. Denn abseits der Wiederentdeckung einiger verschollener barocker Werke, hat er die Blockflöte als Soloinstrument wieder salonfähig gemacht.

 

Prägnant

Johann Sebastian Bach, h-Moll Messe, BWV 232 

Orchestra of the 18th Century, Cappella Amsterdam

Dirigent: Frans Brüggen, Interpreten: Dorothee Mields, Johannette Zomer, Patrick van Goethem, Jan Kobow



 

 


 


 

Hinterlegt in  //   Cappella Amsterdam   Dorothee Mields   Frans Brüggen   Jan Kobow   Johann Sebastian Bach   Johannette Zomer   Orchestra of the 18th Century  
Per email 

Kommentare [1]

h-Moll Messe Bachs in ganz neuem Gewand

Minkowski_h_moll_bach

Es gab sie immer, und es wird sie auch immer geben - jene, welche Musik zu Grabe tragen, und jene, welche Musik wieder aus dem Grab herausholen, wiederauferstehen lassen. Wiederauferstehungskünstler gab es bis dato einige. Ob Sir Roger Norrington, Sir Charles Mackerras, Nikolaus Harnoncourt, oder auch Sir John Eliot Gardiner. Sie alle haben sich um die Wiederbelebung und Neuinterpretation insbesondere von barocken Werken verdient gemacht.

Seit einigen Jahren gibt es ein weiteres "enfant terrible" in der Musikwelt, welches uns nicht zur Ruhe kommen läßt. Der Franzose Marc Minkowski hat nicht nur mit Les Musiciens du Louvre Grenoble sein eigenes Ensemble (wie viele andere), mit welchem er so einiges anstellen kann, nein, er hat noch dazu einen rasend guten Instinkt für das Wahrhaftige und damit Echte, den O-Ton, wenn man so will.

Jüngst erschienen ist seine Interpretation der h-Moll Messe von Johann Sebastian Bach (Label Naive). Es hört sich an wie Josquin des Prez, ist aber Bach. Oder wie Johannes Ockeghem - doch es ist Bach. Ein gesundes Tempo verwürzt nicht den Geschmack, sondern mundet wunderbar. Eine Interpretation, die auf dem besten Wege ist, Standard zu werden, wenn sie es vielleicht nicht schon ist.

 

kurz und gut
Johann Sebastian Bach
, h-Moll Messe, BWV 232
Les Musiciens du LouvreGrenoble

Dirigent: Marc Minkowski
; Interpreten: Lucy Crowe, Joanne Lunn, Julia Lezhneva, Colin Blazer
Erschienen bei: Naïve, 2008

 

Hinterlegt in  //   Colin Blazer   Johann Sebastian Bach   Julia Lezhneva   Les Musiciens du Louvre Grenoble   Lucy Crowe   Marc Minkowski   Nathalie Stutzmann  
Per email 

Kommentare [2]

Wolfgang Rihm's Dionysos in Salzburg

Showimage
Wie aufregend, daß es mit der Musik immer weitergeht, daß der bestehende Kanon klassischer Musik nicht bei Schönberg stehenbleibt, sondern auch heute noch erweitert wird. Was Bestand haben wird, wird sich in 100 Jahren noch zeigen, Rihms Oper Dionysus hat eine Chance dann noch dabei zu sein. Die Uraufführung in Salzburg war ein Erlebnis. Nietzsches starken Texte entfalteten höchste Wirkung durch eine darstellerische und sängerische tour-de-force der Hauptprotagonisten, das galt insbesondere für Johannes Martin Kränzle, als Herr N(ietzsche). N durchlebt wahre dionysische Feuerwerke, insbesondere im zweiten Teil geht er durch Folterqualen, Orgien, Mord und Wahnsinn. Die Musik unterstützt die Wirkung der Szenen, sie scheint ganz im Dienste des Textes und der Szenen zu stehen. Rihm greift dabei die Klänge alter Meister auf, man meint zumindest Mahler, Wagner und Bach zu hören.

Ob ihn das in eine Reihe mit Schumann, Mahler und Bach stellt (sowie Julius Reubke und Avet Terteryan?!?!), wie Rainer Brambeck in der Süddeutschen Zeitung bemerkt, sei dahingestellt. Was vielmehr beeindruckt, ist die gesamtschöpferische Tat Rihms, denn er hat Textfragmente Nietzsches in kongeniale Szenen verwandelt, und dabei die Texte kreativ und intelligent neu sortiert. Das wunderbare Gedicht "Die Sonne sinkt" zum Beispiel wird auf die Oper verteilt und stellt einen der vielen Höhepunkte dar. Man hat Lust sie noch mal zu hören, es gibt viele starke Momente: wie Herr N lange nichts sagen kann und er dann die Worte erbricht: "Ich bin Dein Labyrinth"; die Wortduelle zwischen N und Ein Gast: "Jetzt - Jetzt"; die leichten, aber schmerzhaften Peitschenhiebe in der letzten Szene, die Variationen rund um die Frage: "Magst Du mich ganz?" Die stärkste Szene: Der Chor der Mänaden beklagt den Tod, alle auf der Bühne sind erstaart, Gegenstände fallen im Zeitlupentempo herab... Wir hoffen, diese Inszenierung wird noch einmal zu sehen sein und freuen uns auf weitere Opern-Uraufführungen. Zum Beispiel Beat Furrers "Wüstenbuch", in Zürich uraufgeführt dieses Jahr, in Wien zu sehen bei den Festwochen 2011.

Hinterlegt in  //   Beat Furrer   Dionysos   Salzburger Festspiele   Wolfgang Rihm  
Per email 

Kommentare [0]

Elektra aus der Sicht Berlins

Vsodoncarlo1

der "Tagesspiegel" schreibt über die Aufführung der Elektra in Salzburg:

Es schwirrt und fidelt im Orchestergraben, und die Tuba tönt, lange bevor die Aufführung beginnt. Die Wiener Philharmoniker sind hoch motiviert, denn „Elektra“ gehört als Orchesteroper von Richard Strauss zu ihrem anspruchsvollsten Besitz. Premiere im Großen Festspielhaus. Auch das Publikum ist bestens präpariert, neben dem gesellschaftlichen Ereignis ein Fest der Kunst zu feiern. Und so geht es auch aus: mit viel Jubel, in dem die paar Buhrufe gegen den Dirigenten Daniele Gatti verschwinden.

Vom Himmel an der Salzach grüßen die Gründungsväter Max Reinhardt, Hugo von Hofmannsthal, Alfred Roller und Richard Strauss: Der 90. Geburtstag der Festspiele geht ins Land. Und zugleich das Ende der Ära Flimm. Wie ein treu sorgender Vater wird Jürgen Flimm an diesem Abend immer und überall gesichtet. Es ist ein Abschied, der ihm nicht leicht fällt, sagt er, „Mythen“ begleiten ihn. Kein geringes Sommerwunschprogramm.

Nun also Station bei „Elektra“, erste gemeinsame Arbeit von Strauss mit seinem Dichter-Librettisten Hugo von Hofmannsthal. Elektra in tragischer Einsamkeit: Zeitgenossen sahen in der Figur eine Spiegelung der Lebenskrise des Dichters. Elektra opfert ihr Leben als Frau. Die Auserlesene steht als Ausgestoßene da, besessen von dem Gedanken, den Mord an ihrem Vater Agamemnon zu rächen. Ein Stück von den Wonnen blutigsten Schmerzes aus der Tragödie des mykenischen Königshauses, alles andere als ein klassizistisches Griechendrama.

Nikolaus Lehnhoff ist ein diskreter Regisseur, dessen Inszenierungen nicht provozieren und niemandem wehtun. Aber sie setzen mit Theatermitteln sichtbare Zeichen, um tiefere Inhalte zu enthüllen. Hier ist es der Mantel des toten Agamemnon, das Vergangene in der Gegenwart, Elektras Schutzmantel und Heiligtum: Dieser Mantel der Erinnerung verbindet die Schwestern Elektra und Chrysothemis, ja sogar Klytämnestra erlebt in ihm einen kleinen Moment der Mutter-Tochter-Nähe mit Elektra. Und Lehnhoff zeigt, dass der Mantel dem Orest Befehl ist, während er Angst hat vor dem Muttermord: „Die diese Tat mir auferlegt, die Götter, werden da sein, mir zu helfen.“ Der Mord findet statt, die Leiche hängt am Haken, aber die Erinnyen warten. „Überall liegen Tote“, das lässt sich im Triumph des Finales nicht überhören und ist in Frankfurt am Main schon einmal von Regisseur Falk Richter eindringlich thematisiert worden. Hier steht der Rächer und Sohn Agamemnons sehr allein, trägt das Gewand seines Vaters und nun auch die Einsamkeit der Schwester, die gestorben ist.

Das „Elektra“-Orchester hämmert, dröhnt, kreischt – und überwältigt. Viel tiefes Blech, Verdreifachung der Violinen und Bratschen, erregtes Pathos und doch wieder süße Fülle. Am Pult Daniele Gatti, aktueller Bayreuther „Parsifal“-Dirigent und gehandelt in zweiter Linie für die Nachfolge Kent Naganos an der Bayerischen Staatsoper. Man sagt ihm eine Krise nach, aber er weiß, wie sehr er auf die Wiener Philharmoniker bauen kann. Es ist die Musik, die unter Gatti in ihren scharf aneinandergesetzten Szenen singt und sagt: schaurige Abgründe und innig fließendes Thema der Agamemnonskinder. Gattti lässt die Nervenkontrapunktik sprechen, mitunter zu laut, ohne eine eigene Lesart zu verteidigen.

Lehnhoff hatte einst in Anja Silja eine Protagonistin gefunden, deren Persönlichkeit seine Inszenierungen trug. Iréne Theorin als Elektra ist das nicht. Daher dominiert das Requisit des Mantels, wo große Tragödie darzustellen wäre, stolzes Königskind, Dialektik der Treue, furchtbare Majestät. Man staunt, wenn Theorin den ersten Monolog anstimmt mit der elementaren Anrufung Agamemnons aus dem Rhythmus des Namens: Das klingt beinahe wie eine Pamina als Elektra. Theorin trifft alle Töne, zumal die Höhen, verfehlt aber das Wesentliche: die Wucht der Dramatik. Und die Übertitel im Theater sind geeignet, darüber hinwegzutäuschen, dass von dem ausdrucksstarken Text einmal mehr nichts zu verstehen ist.

Anders Eva-Maria Westbroek als Chrysothemis: Sie singt die hellere Dreivierteltaktschwester, die ihr „Weiberschicksal“ ersehnt, mit deutlicher Emphase. Im Lyrischen nähern sich die beiden Stimmen einander zu sehr an.

Das mit Spannung erwartete szenische Debüt Waltraud Meiers (im Bild Szene "Don Carlo", Verdi) als Klytämnestra zeigt eine in der Rolle der Gattenmörderin zunächst ungewöhnlich schöne Frau, gute Figur im Abendkleid (Kostüme: Andrea Schmidt-Futterer), feines Décolleté, die Meier eben. Was sie spielt, ist erregtes Pathos, Angst, Krankheit der Seele. Auch diese Einsamkeit, von Meier mit Inbrunst ausgesungen, weckt Mitleid. Zugegeben, dass man sich vom stimmlichen Kaliber her eher eine Astrid Varnay oder Jane Henschel wünschte. Hoch besetzt ist mit Robert Gambill der Ägisth, der Tenor, der als Liebhaber ausgespielt hat. Nach der Unruhe der Frauenstimmen tritt die Ruhe des Baritons ein: souverän in Wort und Ton René Pape als Orest. Der Darsteller aber verrät die Unruhe in der Ruhe.

Die Handlung spiegelt sich in den Luken schiefen Mauerwerks (Bühne: Raimund Bauer): Von der Mägdeszene an ist es ein Gefängnis für alle, eherner Ernst, gruftiges Milieu. Mit dem Tod der Mutter Klytämenstra und ihres Mittäters Ägisth hat Elektras Leben seinen Sinn erfüllt. Für die anderen aber gibt es kein Entrinnen, der Krieg bleibt. So kann der Regisseur heute in dem trunkenen „namenlosen Tanz“ der Titelheldin keine Läuterung mehr sehen. In diesem Sinn ist Nikolaus Lehnhoffs Inszenierung stimmig.

 

Best off Einspielung mit Dohnanyi

Richard Strauss, Elektra

Dirigent: Christoph von Dohnanyi, Solisten: Marjana Lipovsek, Eva Johansson, Melanie Diener, Rudolf Schasching

Orchester des Opernhauses Zürich, Chor des Opernhauses Zürich

Erschienen bei: TDK, 2005

Hinterlegt in  //   Chor des Opernhauses Zürich   Christoph von Dohnanyi   Eva Johansson   Marjana Lipovsek   Melanie Diener   Orchester des Opernhauses Zürich   Richard Strauss   Rudolf Schasching  
Per email 

Kommentare [0]

Presse von "Elektra" in Salzburg begeistert

6a00d8341c4e3853ef01053655226c

Der "Kurier" schreibt zu letzten Neuproduktion der Salzburger Festspiele:

Es ist absurd, dass die Werke von Richard Strauss, immerhin einer der Gründerväter der Festspiele, zuletzt eine derart untergeordnete Rolle in Salzburg spielten. Vom Intendanten Gérard Mortier ist noch die eine oder andere faszinierende Produktion (etwa "Ariadne auf Naxos") in Erinnerung.

Sein Nachfolger Peter Ruzicka wollte Strauss zentral im Programm etablieren - leider ist der für die Dirigate vorgesehene Giuseppe Sinopoli noch vor Amtsantritt gestorben. Dennoch schaffte Ruzicka gerade mit weniger bekannten Strauss-Opern schöne Erfolge. Unter ihm fand auch die bisher letzte Strauss-Premiere statt: "Rosenkavalier" im Jahr 2004.

Sechs Jahre lang gab es keine Neuproduktion einer Strauss-Oper - für Salzburg ein schändlicher Zustand. Erst im letzten Jahr seiner Intendanz setzte Jürgen Flimm "Elektra" im Großen Festspielhaus an. Die für 2011 geplante "Frau ohne Schatten" mit Christian Thielemann am Pult wird der interimistische Chef Markus Hinterhäuser abwickeln. Wie perfekt Strauss zu Salzburg passt, bekam man bei "Elektra" wieder bestätigt. Solche Werke gehören ins Große Festspielhaus und nicht Händel-Oratorien oder Gluck-Opern.

Daniele Gatti dirigierte die Wiener Philharmoniker beeindruckend. Seine "Elektra" ist farbenprächtig, kontrastreich, höchst dynamisch, manchmal eine Spur zu voluminös, aber stets ausbalanciert, differenziert, den damaligen Drang des Komponisten hin zur Moderne ideal umsetzend. Das radikalste Werk von Strauss darf auch so radikal klingen.

Dass es am Ende einige Buhs für Gatti gab, mag daran liegen, dass die Sänger manchmal vom riesigen Orchester überlagert wurden - wenn das bei einer Aufführung passiert, muss es aber nicht immer zwingend an den Musikern oder am Dirigenten liegen. Mit seiner "Lulu" bei den Wiener Festwochen und nun mit "Elektra" in Salzburg ist Gatti zweifellos einer der prägenden Dirigenten dieses Jahres.

Irene Theorin stellte sich in Salzburg mit der Titelpartie der Elektra vor: Die Schwedin ist eine hochdramatische Sopranistin, die nur gut hörbar ist, wenn sie forciert. Dabei kippt sie oft ins Schrille und neigt zum starken Tremolo. Immerhin hält sie tapfer durch.

Eva-Maria Westbroek ist eine fabelhafte Chrysothemis und könnte möglicherweise schon bald die bessere Elektra sein als Theorin. Waltraud Meier (siehe Bild) begeisterte bei ihrem Bühnendebüt als Klytämnestra mit großer Präsenz und einem Mezzo, der selbst bei dieser anspruchsvollen Partie stets elegant bleibt. Rene Pape ist ein grandioser Orest, Robert Gambill ein etwas unterbelichteter Aegisth.

Das klare, einfache Bühnenbild von Raimund Bauer erinnert an ein aus dem Lot geratenes Frauengefängnis oder an einen Rohbau im palästinensischen Siedlungsgebiet, mit vielen Löchern und Gruften, aus denen die verschleierten Mägde schauen. Regisseur Nikolaus Lehnhoff vertraut dem Werk und den Protagonisten, hat präzise gearbeitet und nichts mit einer Interpretation verjuxt. Wo das Ohr so viel zu tun hat, kann das Auge ruhen.

Das Werk "Elektra" (Libretto: Hugo von Hofmannsthal) wurde 1909 uraufgeführt. Die Strauss-Oper erzählt, wie sich Elektra und ihr Bruder Orest an ihrer Mutter Klytämnestra und deren Geliebten Aegisth rächen, weil diese einst ihren Vater Agamemnon töteten. Die Aufführung Toll musiziert, gut gesungen, die beste Opern-Neuproduktion 2010.

Hinterlegt in  //   Daniele Gatti   Elektra   Richard Strauss   Waltraud Meier   Wiener Philharmoniker  
Per email 

Kommentare [1]

Ein Plädoyer für Maazel

Phil-maazel-brahms

Keine Ahnung, was den Autor der Süddeutschen Zeitung einst dazu getrieben hat, einen wahren Frontalangriff auf Lorin Maazel zu machen.

Natürlich ist es so, dass Maazel nicht mehr der jüngste ist, wenn er die Münchner Philharmoniker, eines der besten Orchester Europas, übernimmt. Er hat sich jedoch dazu entschlossen und ist willens, seinen Auftrag durchzuziehen. Wenn wir mit dem Alter argumentieren, müßten wir mehrere  "Greise", die immer noch Musik machen, ins Boot ziehen, solche wie Michael Gielen, Agnes Baltsa, Placido Domingo, Edita Gruberova, u.v.a.m. - das Alter kann kein Argument sein.

Darüber hinaus würde eine Inschutznahme der Münchner Philharmoniker nicht gut ankommen, hat sich doch der Vorstand und die Intendanz gegen Thielemann ausgesprochen. Hierin liegt vielmehr die Crux überhaupt, denn Thielemann wollte nichts als mehr Einfluß auf die Programmgestaltung haben, mehr mit den Münchnern machen, als es im per Vertrag erlaubt ist.

Es ist eher die alte Devise: selten funktionieren Intendanz und Dirigat gemeinsam gut, weil die Meinungen oft zu sehr auseinander gehen. Ausnahmen bestätigen die Regel, wie wir bis jetzt an der Wiener Staatsoper beobachten können. Franz-Welser Möst ist Generalmusikdirektor, Dominique Meyer Staatsoperndirektor. Schauen wir uns das Programm der kommenden Saison an, so gibt es eine klare Aufgabenteilung und Welser-Möst hat sich, zumindest bis heute, nicht geäußert, dass sein künstlerischer Aspekt in dieser "Ehe" zu kurz kommt.

Nein - Maazel ist immer noch ein sehr guter Dirigent, Verdi-Spezialist, Mahler-Fachmann, und Klassik-Kenner par coeur. Er wird das Kind schaukeln, Musik ist sein Leben, schon immer gewesen.

Daher: Abwarten, was kommt. Und es ist wohl der geeignetste Kandidat für die Münchner Intendanz - das Publikum wird schon mit gehen, früher oder später.

Spitzenklasse der italienischen Oper

Giuseppe Verdi, Aida
Dirigent: Lorin Maazel, Solisten: Luciano Pavarotti, Leo Nucci, Maria Chiara
Orchestra del Teatro alla Scala
, Coro del Teatro alla Scala

Erschienen bei: Decca Records, 1988

Per email 

Kommentare [1]

Helmuth Rilling: Bruckners Messe e-Moll und Psalm 150

Bruckner1

Die Messe ist jene Gattung, die Anton Bruckner gleich nach der Sinfonie am meisten bediente und ihn auch am meisten beschäftigt hat, kein Wunder, hat er doch - ähnlich wie die biblische Figur des Hiob - bis an sein Lebensende mit diesem Gott gehadert.

Eine beeindruckende Aufnahme gibt es bei Hänssler Classic. Wieso beeindruckend? Nun, Anton Bruckners Musik sollte man sich in Ruhe anhören. Und spitzt man dann einmal die Ohren, so wird einem schnell klar, dass der Chor in Beethovens neunter Sinfonie ("Ode an die Freude") zwar auch nicht leicht zu singen ist, aber im Gegensatz zu Bruckners Stimmführung doch einer wahren Wohltat gleich kommt.

Die Fuge am Schluss des "Gloria" der Messe in e-Moll ist ein Meisterwerk der Kirchenmusik, gleichzeitig auch eine Meisterleistung der Sängerschar und des begleitenden Orchesters (in diesem Fall handelt es sich um das Bach-Collegium Stuttgart und die Gächinger-Kantorei Stuttgart). Sehr spannend komponiert ist das "Sanctus" der Messe, in welchem Bruckner ein Thema aus Palestrinas "Missa brevis" entnimmt.

Der Höhepunkt aller Gesangsakrobatik - und wir reden hier besonders von den hohen Lagen und den Stimmbewegungen ganz oben - ist der Psalm 150, welcher 1892 erstmals im Druck bei Doblinger erschienen ist.

Fazit: Helmuth Rilling, der Dirigent, hat alles im Griff und sein Chor ist souveräner denn je. Eine CD voller religiöser Erhabenheit und Innigkeit.


Hinterlegt in  //   Anton Bruckner   Bach-Collegium Stuttgart   Gächinger-Kantorei Stuttgart   Helmuth Rilling  
Per email 

Kommentare [1]

Diskussionsthema "München sagt ja zu Lorin Maazel"

20080924-lorin

Aus der "Süddeutschen Zeitung" war einst ziemlich böse über den Dirigenten Lorin Maazel folgendes zu vernehmen:

Im vergangenen Jahr war er einmal in München. Damals, im März, dirigierte Lorin Maazel keines der Münchner Orchester, sondern brachte das Orquesta de la Comunitat Valenciana mit, das in Valencia unter der Leitung von Maazel und Zubin Mehta den Traum eines anspruchsvoll geführten Opernhauses Realität werden lässt. Bei diesem Konzert konnte man zum einen erleben, dass Maazel seinen Ruf als großer Orchestererzieher nicht zu Unrecht genießt - das erst 2006 gegründete spanische Orchester klang erstaunlich homogen und souverän schön.

Zum anderen konnte man die zwei Seiten des Künstlers Maazel quasi in verdichteter Form erleben: Vor der Pause Tschaikowsky und Mussorgski, seziert bis zum Überdruss, analysiert, nicht musiziert. Nach der Pause: Ravels "La Valse" als delirierenden Totentanz, beklemmend und bizarr, unfassbar großartig.

Es folgte Zugabe auf Zugabe, Maazel lächelte und winkte ins weite Auditorium der Philharmonie - nur dort saß fast niemand. Dort herrschte eine Leere, die wohl umfassend gewesen wäre, hätten nicht ein paar Exilspanier "ihr" Orchester hören wollen. Maazel, der geliebte Pultstar, ein Publikumsmagnet? Nun ja.

Nun folgt Maazel also, vom Stadtrat einstimmig mit 81 Stimmen gewählt, Christian Thielemann in der Leitung der Münchner Philharmoniker nach. Vorgänger und das Orchester sind gerade auf Japan-Tournee, und Thielemann lässt von dort verlauten: ,,Ich bin entzückt. Ich freue mich, dass sich das Orchester freut. Wichtig ist, dass das Orchester eine Perspektive hat, ich hatte mit Dresden ja schon vorher eine.'' Orchestervorstand Stephan Haak ist nicht minder erleichtert: ,,Wir sind glücklich, dass es so schnell gegangen ist.'' Von den Vertragsbedingungen weiß übrigens niemand von den in Japan Weilenden etwas.

Viel Freude also, und trotzdem kann man nur hoffen, dass in Zukunft ein paar Münchner mehr Maazels Konzerte besuchen. Vielleicht ist es ungerecht, den lokalen Marktwert des Dirigenten an einem Gastspiel mit einem hier unbekannten Orchester zu bewerten.

Doch trauerten ihm wirklich alle Münchner Musikliebhaber nach, seit er 2002 das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks verließ, vorgeblich, um sich dem Komponieren zu widmen, in Wahrheit aber, um das New York Philharmonic Orchestra zu übernehmen?

In den zehn Jahren, in denen er das BR-Orchester leitete, galt eine Regel: Von zehn Konzerten sind acht eisige Routine, zwei unfassbar großartig. In Interviews konnte Maazel wunderbar von der Demut des Musikers gegenüber den großen Werken sprechen, in der Praxis waren die meisten Werke anscheinend nicht groß genug für ihn.

Auf der anderen Seite schuf das ewige Wunderkind, dieser unglaublich begabte Musiker, grandiose Zyklen - mit Mahler verabschiedete er sich aus München, natürlich mit allen Symphonien, und Joachim Kaiser schrieb damals: ,,Das Münchner Gasteig-Publikum aber, von solchen Eindrücken beseligt und betäubt, dürfte gefühlt haben, was München verliert, wenn Maazel geht.'' Irgendwie denkt man da an ähnliche Sätze, die im vergangenen Jahr geschrieben wurden - über Thielemann.

Also: Unbestritten ist, dass Lorin Maazel den Münchnern einige großartige Musikerlebnisse bescherte. Unbestritten ist auch, dass diese sehr teuer waren. Im November 2000 rügte der Oberste Rechnungshof den Bayerischen Rundfunk, weil sich "das Honorar des Chefdirigenten in fünf Jahren von einem an der Grenze des Vertretbaren liegenden Stand um über 50 Prozent je Konzert" erhöht habe.

Maazel gilt als der teuerste Dirigent der Branche. Entweder hat die Stadt München ungeahnte Geldquellen entdeckt oder Maazel macht's billiger oder er dirigiert einfach nicht viel. Bei Dienstantritt ist Maazel 80. Das ist kein Neuanfang, das ist in Bronze gegossenes Denkmaldenken. Oberbürgermeister Christian Ude mag darin sein Bedürfnis nach Repräsentation befriedigt sehen, künstlerisch ist dabei keine Zukunft auszumachen.

Bruckner in Maazels Hand

Anton Bruckner, Sinfonien Nr. 0 bis 9
Dirigent: Lorin Maazel
Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks

Erschienen bei: BRKlassik, 1999

Hinterlegt in  //   Lorin Maazel   Münchner Philharmoniker  
Per email 

Kommentare [0]

Beste "Don Giovanni" Gesamteinspielung!

R124404_403894

Am 9. August 2010 ist es soweit - Salzburg und seine Festspiele bekommen einen neuen "Don Giovanni". Claus Guth ist für die Regie zuständig, und die Spannung steigt, insbesondere weil das Kulturpublikum noch die "Lohengrin"-Lesart in Erinnerung hat, die Guth an der Wiener Staatsoper diesen Sommer sehr schlechte Karten bescherte.

Was die Interpreten in Salzburg betrifft, wird es bestimmt im Großen und Ganzen eine solide Sache sein. Aber übertreffen wird es die Gesamteinspielung von Lorin Maazel nicht, welche 1979 entstanden ist und inzwischen bei Sony auf CD erhältlich ist.

Gut, Cesare Siepi ist leider nicht als "Don Giovanni" vertreten, aber dennoch: es gibt nichts besseres als diese Interpretation.

Für alle Nicht-Insider zu Beginn die Besetzung: Lorin Maazel steht am Pult, im Graben ist das Orchester der Pariser Oper.

Edda Moser singt Donna Anna. Zur Person: Moser studierte Gesang am Berliner Konservatorium bei Hermann Weissenborn und Gerty König. Von 1962 bis 1963 war sie am Würzburger Stadttheater engagiert, danach in Hagen und Bielefeld. 1968 sang sie in Salzburg unter Herbert von Karajan die Wellgunde in Wagners Der Ring des Nibelungen. Bevor sie zur Wiener Staatsoper wechselte, gehörte sie 1968 bis 1971 zum Ensemble der Oper Frankfurt. Herbert von Karajan brachte sie an die Metropolitan Opera New York, wo sie einen spektakulären Einstand als Königin der Nacht feierte. Ihr Debüt war in Wagners Rheingold. An der MET sang sie danach unter anderem in Neuproduktionen von Die Entführung aus dem Serail, Händels Rinaldo und als Donna Anna in Don Giovanni. Noch 1995 debütierte Edda Moser als Küsterin in Janáčeks Oper Jenůfa an der Bonner Oper.

Ruggero Raimondi singt Don Giovanni. Zur Person: Raimondi studierte in Mailand und Rom und debütierte 1964 in Spoleto als Colline in La Bohème. 1968 debütierte er an der Mailänder Scala und 1970 an der Metropolitan Opera. Raimondi, der als Nachfolger Cesare Siepis gilt, wird seit 30 Jahren international als einer der größten seines Fachs angesehen, insbesondere als Interpret von Werken Wolfgang Amadeus Mozarts und Giuseppe Verdis. Durch seine zahlreichen Auftritte in Opernverfilmungen (als Don Giovanni unter der Regie Joseph Loseys, als Escamillo (Carmen) unter Francesco Rosi, als Boris Godunow unter Andrzej Żuławski, als Scarpia (Tosca) unter Benoît Jacquot...) wurde er auch einem breiteren Publikum bekannt.

Kiri Te Kanawa (siehe Bild) singt Donna Elvira. Zur Person: Kiri Te Kanawa ist eine Neuseeländerin mit irischer Mutter und Māori-Vater, die als Adoptivkind in der Familie Te Kanawa aufwuchs, in der der Vater ebenfalls Māori und die Mutter ebenfalls irischer Abstammung war. Bei ihrer Schwester erhielt Kiri Te Kanawa ersten Gesangsunterricht in Auckland. Einige Jahre später gewann sie im australischen Melbourne einen Gesangswettbewerb und konnte daraufhin zum Gesangsstudium nach London reisen. Ihre erste kleinere Rolle erhielt sie in London in der Zauberflöte von Wolfgang Amadeus Mozart. 1969 sang sie ihren ersten Hauptrollenpart: die Elena in Gioachino Rossinis La donna del lago. Ihr Debüt am Royal Opera House in Covent Garden gab sie 1970 als Xenia in Boris Godunow. Im Laufe der nächsten Jahre sang sie an allen großen Opernbühnen der Welt. Ihr Metropolitan-Opera-Debüt kam 1974 durch die Erkrankung der Sängerin Teresa Stratas zustande. Innerhalb von nur wenigen Stunden musste sie sich auf die Rolle der Desdemona in Giuseppe Verdis Otello vorbereiten. Auch als Liedinterpretin machte sich Te Kanawa einen Namen. Zu ihrem Konzertrepertoire gehören Lieder von Henry Purcell genauso wie von Richard Strauss oder Franz Liszt. Auf der Hochzeit von Prinz Charles und Prinzessin Diana sang sie 1981 in der Saint Paul’s Cathedral in London. 1984 wurde sie auch einem breiteren Publikum über die Grenzen der Oper hinweg bekannt, als Leonard Bernstein sie für die Rolle der Maria bei seiner einzigen Studioeinspielung der West Side Story besetzte. Jose Carreras sang die Rolle des Tony an ihrer Seite. Bernstein besetzte das Orchester mit Jazzmusikern und wählte die - seiner Meinung nach - besten Stimmen für die Rollen des Musicals aus. Über die Schallplattenaufnahme entstand ein sehenswerter Dokumentarfilm.

Brilliant - alles. Te Kanawa und Raimondi sind die tops dieser Einspielung, ebenso die Interpretation von Lorin Maazel. Will man sich mit Don Giovanni beschäftigten, oder vor der kommenden Salzburger Premiere eine sehr gute Aufnahme hören, so kaufe man sich diese CD. Ein "must"!

Besser geht es nicht

Wolfgang Amadeus Mozart, Don Giovanni
Dirigent: Lorin Maazel, Solisten:
Ruggero Raimondi, Teresa Berganza, Kiri te Kanawa, Edda Moser, Jose van Dam

Orchestre de l'Opéra National de Paris, Choeur de l'Opéra National de Paris
Erschienen bei: Sony Music, 1979

Hinterlegt in  //   Don Giovanni   Edda Moser   Kiri Te Kanawa   Lorin Maazel   Orchester Pariser Oper   Ruggero Raimondi   Wolfgang Amadeus Mozart  
Per email 

Kommentare [1]

Beste Schumanneinspielung 2010

Martha-argerich-1

Sie ist ohne Zweifel der Mount Everest der Klaviermusiker, des 20. und des 21. Jahrhunderts: Martha Argerich.

Bereits mit drei Jahren erhielt Martha Argerich den ersten Unterricht in Buenos Aires bei Scaramuza und debütierte 1949 in Buenos Aires mit einem Klavierkonzert. 1955 kam sie mit ihrer Familie nach Europa und setzte ihr Studium in Wien bei Friedrich Gulda fort. 1957 gewann sie den Ersten Preis beim Internationalen Klavierwettbewerb Ferruccio Busoni in Bozen. Mit etwa 20 Jahren geriet sie in eine Lebenskrise, die bewirkte, dass sie sich vollständig aus dem Konzertbetrieb zurückzog. Erst 1964 gelang es u.a. auch durch die Intervention ihres Lehrers Stefan Askenase, dass sie sich wieder der Öffentlichkeit zeigte. 1965 wurde sie durch den Gewinn des 1. Preises beim Chopin-Wettbewerb weltbekannt.

In den letzten Jahren hat sie den Nimbus der Virtuosin, die bei ihren Auftritten enthusiastische Begeisterung hervorruft, etwas abgelegt und tritt zunehmend als Interpretin von Kammermusik in Erscheinung. Sie tritt zudem seit langer Zeit nicht mehr allein im Rahmen eines Klavierabends auf, sondern als Solistin in Klavierkonzerten oder mit anderen Musikern wie etwa Nelson Freire, Gabriela Montero, Gidon Kremer, Mischa Maisky oder ihrer langjährigen Duo-Partnerin Lilya Zilberstein.

Beim Musiklabel EMI ist nun eine CD erschienen, mit welcher einem die Luft wegbleibt, so entrückt und so perfekt romantisch, wie Argerich Schumann spielt. Die "Kinderszenen" sind ein Bilderbuch der Tastatur - die Dynamik eigenwillig, aber nicht unpassend. Insbesondere bei "Der Dichter spricht" könnte man sich fast fragen, ob es vor Schumann je gute Klaviermusik gegeben hat?!

Es handelt sich im übrigen bei der CD nicht nur um Soloklaviermusik, sondern um Kammermusik Robert Schumanns im allgemeinen. Sei es op. 46 oder auch op. 44 - alles ist sorgfältig zusammengestellt, dazu noch mit den besten Interpreten unserer Zeit, was die anderen Instrumente betrifft. So spielen u.a. Natalia Gutman, Mischa Maisky, Marie-Luise Neunecker und die Capuçon-Brüdern mit.

Danke, Martha Argerich.

Spitzenklasse mit Argerich

Robert Schumann, Klavierkonzert a-Moll op.54, Kinderszenen op.15
Solist: Martha Argerich

Erschienen bei: EMI, 2002

Hinterlegt in  //   Gebrüder Capucon   Marie-Luise Neunecker   Martha Argerich   Natalie Gutman   Robert Schumann  
Per email 

Kommentare [0]